Namibia unter deutscher Herrschaft

Wenn Du heute durch Namibia reist, begegnet Dir eine Landschaft von atemberaubender Schönheit. Doch unter der Oberfläche liegt eine Geschichte, die tief schmerzt. Eine Geschichte, die mit deutschen Kolonialträumen begann und in einem der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts endete.

Deutsch-Südwestafrika war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie. Die deutsche Regierung hatte das Gebiet offiziell als Schutzgebiet deklariert, doch in Wahrheit ging es um wirtschaftliche Interessen, geopolitische Macht und die Vorstellung von einem deutschen Weltreich. Die Herero, ein Hirtenvolk mit komplexer sozialer Struktur, lebten seit Jahrhunderten in dieser Region. Mit der Ankunft der Deutschen begann eine systematische Enteignung. Land wurde beschlagnahmt, Viehherden konfisziert, und die Herero wurden zunehmend entrechtet. Deutsche Siedler betrachteten die Einheimischen als Arbeitskräfte, nicht als gleichwertige Menschen. Die koloniale Verwaltung förderte diese Haltung aktiv.

Der Aufstand der Herero

Im Januar 1904 war das Maß voll. Samuel Maharero, ein angesehener Führer der Herero, organisierte einen Aufstand gegen die Kolonialmacht. Die Gründe waren vielfältig. Deutsche Siedler behandelten die Herero wie Menschen zweiter Klasse. Zwangsarbeit, Misshandlungen und die Missachtung ihrer Kultur hatten tiefe Wunden hinterlassen. Der Aufstand war ein Akt der Verzweiflung, aber auch des Stolzes.

Die Herero griffen gezielt deutsche Militärposten und Farmen an. Dabei versuchten sie, Frauen und Kinder zu verschonen. Es war kein blindes Gemetzel, sondern ein geplanter Widerstand gegen eine übermächtige Besatzungsmacht. Die deutsche Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Berlin entsandte Generalleutnant Lothar von Trotha, einen Mann mit Erfahrung in kolonialen Strafexpeditionen. Doch Trotha wollte mehr als nur militärischen Sieg. Er wollte die Herero vernichten.

Die Schlacht am Waterberg

Im August 1904 hatten sich die Herero unter Maharero am Waterberg versammelt. Sie hofften, dort Schutz zu finden und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Rund 3.500 bis 6.000 Krieger waren vor Ort, dazu Tausende Frauen und Kinder. Die Deutschen unter Trotha planten einen Großangriff. Ziel war nicht nur die militärische Niederlage der Herero, sondern ihre vollständige Vernichtung.

Trotha wollte die Herero einkesseln. Mit etwa 1.400 Soldaten, unterstützt von einheimischen Hilfstruppen, griff er am 11. August 1904 an. Die Schlacht war chaotisch. Die Herero leisteten erbitterten Widerstand. Doch die Deutschen waren besser ausgerüstet, verfügten über Artillerie und moderne Gewehre. Was Trotha nicht gelang, war die vollständige Einkesselung. Die Ostflanke blieb offen. Die Herero nutzten diese Lücke zur Flucht in die Omaheke-Wüste.

Trotha ließ sie nicht verfolgen, sondern blockierte gezielt die Wasserstellen. Es war eine indirekte, aber systematische Vernichtung. Die deutschen Verluste waren gering, die der Herero verheerend. Viele starben bereits während der Schlacht, noch mehr in den folgenden Wochen in der Wüste. Trotha hatte sein Ziel erreicht. Die Herero waren auf der Flucht, geschwächt, ohne Nahrung und ohne Wasser.

Für die Herero heißt die Schlacht nicht Waterberg, sondern Ovita yOhamakari. Dieser Name erinnert daran, dass es nicht nur ein militärisches Ereignis war, sondern ein kollektives Trauma. Ein Bruch in der Geschichte ihres Volkes. Ein Moment, der bis heute nachwirkt.

Der Vernichtungsbefehl

Am 2. Oktober 1904 erließ Trotha einen Befehl, der in seiner Brutalität kaum zu übertreffen ist. Jeder Herero, ob bewaffnet oder nicht, sollte erschossen werden. Frauen, Kinder, Alte, Kranke, niemand war sicher. Die Herero flohen in die Wüste, eine lebensfeindliche Region ohne Wasserquellen. Trotha ließ die Zugänge blockieren. Wer nicht verdurstete, wurde erschossen. Es war ein kalkulierter Genozid, geplant und durchgeführt von einer regulären Armee unter deutscher Flagge.

Die Nama und das zweite Kapitel der Gewalt

Auch die Nama, ein weiteres Volk in der Region, erhoben sich gegen die Kolonialmacht. Ihr Anführer Hendrik Witbooi war ein erfahrener Diplomat und Krieger. Doch auch sie wurden Opfer von Trothas Vernichtungspolitik. Konzentrationslager entstanden, darunter das berüchtigte Lager auf der Haifischinsel bei Lüderitz. Dort starben Tausende an Hunger, Krankheiten und Misshandlungen.

Die Lager waren Orte des Grauens. Menschen wurden zur Arbeit gezwungen, erhielten kaum Nahrung und wurden medizinisch nicht versorgt. Frauen wurden sexuell missbraucht, Kinder starben an Unterernährung. Es war ein System der Entmenschlichung, das bis ins kleinste Detail organisiert war.

Zahlen, die nicht vergessen werden dürfen

Vor dem Aufstand lebten rund 80.000 Herero in Deutsch-Südwestafrika. Nach dem Genozid waren es weniger als 15.000. Bei den Nama sieht es ähnlich düster aus. Von etwa 20.000 überlebten nur rund 10.000. Historiker sprechen heute von einem der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Und der erste, den Deutschland zu verantworten hat.

Diese Zahlen sind keine Statistik. Sie stehen für Menschen mit Namen, Familien, Träumen. Für Kulturen, die beinahe ausgelöscht wurden. Für Stimmen, die verstummten, weil niemand sie hören wollte.

Die Rolle der deutschen Öffentlichkeit

In Berlin war man informiert. Die Reichstagsabgeordneten diskutierten über die Kosten des Kolonialkriegs, nicht über die Menschenleben. Einige Missionare und Politiker protestierten, doch die Mehrheit schwieg. Der Kolonialgedanke war zu tief verwurzelt. Die Herero galten als Wilde, deren Leben weniger wert war.

Die deutsche Öffentlichkeit bekam nur gefilterte Informationen. Die Brutalität wurde verharmlost, die Opferzahlen kleingeredet. Erst Jahrzehnte später begann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema. Und auch heute ist die Erinnerung oft lückenhaft.

Späte Anerkennung und umstrittene Wiedergutmachung

2015 erkannte die deutsche Regierung den Völkermord offiziell an. 2021 folgte ein Abkommen mit Namibia. Deutschland versprach 1,1 Milliarden Euro für Entwicklungsprojekte. Doch viele Nachfahren der Opfer kritisieren das Abkommen. Es wurde ohne ihre Beteiligung ausgehandelt. Die Zahlungen gelten nicht als rechtliche Entschädigung.

Die Herero und Nama kämpfen weiter. Sie fordern Landrückgabe, direkte Entschädigungen und eine würdige Erinnerungskultur. Der Schmerz sitzt tief. Das Vertrauen ist erschüttert. Es geht nicht nur um Geld, sondern um Anerkennung, Respekt und Gerechtigkeit.

Warum Dich das etwas angeht

Vielleicht fragst Du Dich, was das mit Dir zu tun hat. Eine ganze Menge. Der Völkermord an den Herero und Nama ist Teil deutscher Geschichte. Er zeigt, wie Rassismus, Machtgier und Ignoranz zu systematischer Vernichtung führen können. Und er erinnert uns daran, dass Aufarbeitung kein Luxus ist, sondern Pflicht.

Wenn Du durch Namibia reist, wirst Du die Spuren sehen. Gedenkstätten, Denkmäler, aber auch die Gesichter der Nachfahren. Stolz, verletzlich, kämpferisch. Geschichte lebt. Und sie verlangt, dass wir hinsehen.

Erinnern heißt handeln

Der Völkermord an den Herero und Nama ist kein Kapitel, das man einfach schließen kann. Er ist ein Mahnmal. Ein Ruf nach Gerechtigkeit. Und ein Prüfstein für unsere Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Wenn Du diesen Text gelesen hast, hast Du einen Schritt getan. Du hast hingesehen. Du hast zugehört. Jetzt liegt es an Dir, die Erinnerung wachzuhalten. Denn Geschichte ist nicht vorbei. Sie ist jetzt.

 

 

Von Trothas Vernichtungsbefehl im originalen Wortlaut:

Hier ist der vollständige Wortlaut des Vernichtungsbefehls von General Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904, wie er an das Volk der Herero gerichtet wurde:

„Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero.
Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen.
Ich sage dem Volk: Jeder Herero, der sich mir nicht unterwirft, wird mit dem Groot Rohr [Kanone] erschossen.
Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen.
Ich nehme keine Frauen und Kinder mehr auf, ich jage sie zurück zu ihrem Volk oder lasse auf sie schießen.
Dies ist mein Entschluss für das Volk der Herero.“