Wenn Du durch das nordwestliche Namibia reist, insbesondere durch die raue Schönheit des Kaokolands in der Kunene-Region, wirst Du früher oder später auf eine der faszinierendsten Kulturen des Landes stoßen: die Himba. Ihre rot schimmernde Haut, kunstvoll geflochtenen Frisuren und ledernen Gewänder sind nicht nur ein ästhetisches Statement – sie sind Ausdruck einer tief verwurzelten Lebensweise, die sich seit Jahrhunderten behauptet.
Herkunft und Geschichte: Vom Herero-Zweig zur eigenständigen Kultur
Die Himba stammen ursprünglich von den Herero ab, die im 16. Jahrhundert aus Angola nach Namibia zogen. Während sich die meisten Herero später sesshaft machten und europäische Einflüsse annahmen, blieben die Himba ihrem halbnomadischen Lebensstil treu. Sie siedelten sich im abgelegenen Kaokoland an – einer Region, die durch Trockenheit, Hitze und Isolation geprägt ist. Diese geografische Abgeschiedenheit wurde zum Schutzschild ihrer Kultur.
Im 19. Jahrhundert trafen die Himba auf neue Herausforderungen: Dürreperioden, Viehseuchen und koloniale Umwälzungen. Viele wurden gezwungen, sich als „Tjimba“ – also arme Herero ohne Vieh – durchzuschlagen. Doch mit der Zeit erholten sie sich, bauten ihre Herden wieder auf und festigten ihre Identität als eigenständige Ethnie: die OvaHimba.
Lebensweise: Halbnomaden mit Herz fürs Vieh
Das Leben der Himba dreht sich um ihre Rinder und Ziegen. Vieh ist nicht nur Nahrung, sondern auch Statussymbol, Zahlungsmittel und spirituelle Verbindung. Die Herden werden täglich zu Wasserstellen geführt, und die Männer verbringen viel Zeit mit der Pflege und dem Schutz der Tiere. Frauen hingegen kümmern sich um Haushalt, Kinder, Körperpflege und die Herstellung von Kleidung und Schmuck.
Die Dörfer bestehen meist aus runden Hütten mit kegelförmigem Dach, gebaut aus Mopane-Holz, Lehm und Kuhdung. In der Mitte des Dorfes befindet sich das heilige Feuer („okuruwo“), das nie erlöschen darf – es symbolisiert die Verbindung zu den Ahnen.
Schönheit in Rot: Otjize und Körperkunst
Was sofort ins Auge fällt: Die rotbraune Hautfarbe der Himba-Frauen. Sie entsteht durch eine Paste namens Otjize – eine Mischung aus Butterfett und rotem Ocker. Diese wird täglich auf Haut und Haare aufgetragen und dient als Sonnenschutz, Insektenschutz und Schönheitsmittel. Der Duft wird oft mit aromatischen Harzen wie Omumbiri verfeinert.
Auch die Frisuren sind ein kulturelles Statement. Mädchen tragen zwei Zöpfe nach vorne, verheiratete Frauen kunstvolle Dreadlocks mit Otjize und Schmuck. Männer rasieren meist den Kopf oder tragen eine einzelne Zopffrisur – je nach Alter und sozialem Status.
Kleidung und Schmuck: Leder, Perlen und Symbolik
Die Kleidung besteht aus Ziegenleder, das kunstvoll zugeschnitten und verziert wird. Frauen tragen Röcke, Brustschmuck und Gürtel, oft ergänzt durch Metallringe, Muscheln und Perlen. Besonders auffällig ist der Kopfschmuck „Erembe“, den verheiratete Frauen tragen – ein Zeichen ihrer Rolle in der Gemeinschaft.
Kinder laufen oft nackt oder mit einfachen Lendenschurzen herum, bis sie ins Jugendalter kommen. Schmuck wird nicht nur zur Zierde getragen, sondern erzählt Geschichten: über Herkunft, Familienstand und spirituelle Zugehörigkeit.
Sprache und Sozialstruktur: OtjiHimba und Clanbindung
Die Himba sprechen OtjiHimba, einen Dialekt des Herero. Ihre Gesellschaft ist matrilinear geprägt – das heißt, Abstammung und Erbe werden über die Mutterlinie weitergegeben. Gleichzeitig existiert ein patrilineares System für spirituelle Belange, was zu einer komplexen sozialen Struktur führt.
Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen, oft durch Älteste oder Clanführer. Konflikte werden durch Gespräche und Rituale gelöst – Gewalt ist selten.
Spiritualität: Ahnen, Natur und das heilige Feuer
Die Himba glauben an die Kraft der Ahnen, die durch das heilige Feuer mit den Lebenden kommunizieren. Rituale, Opfergaben und Gebete sind Teil des Alltags. Es gibt keine Tempel oder Kirchen – die Spiritualität ist in der Natur und im Dorf verankert.
Besondere Bedeutung haben Übergangsriten: Geburt, Pubertät, Heirat und Tod werden mit Zeremonien begleitet, bei denen Musik, Tanz und Tieropfer eine zentrale Rolle spielen.
Herausforderungen: Moderne trifft Tradition
In den letzten Jahrzehnten wurden die Himba mit neuen Einflüssen konfrontiert: Straßenbau, Tourismus, Schulbildung und politische Veränderungen. Einige junge Himba verlassen ihre Dörfer, um in Städten zu leben oder zu arbeiten. Andere kehren zurück, um ihre Kultur zu bewahren.
Der Tourismus bringt Geld, aber auch Risiken: kulturelle Ausbeutung, falsche Darstellungen und Abhängigkeit. Organisationen wie die Himba Cultural Tours versuchen, Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen – mit Respekt und echtem Austausch.
Eine Kultur zwischen Stolz und Wandel
Die Himba sind ein lebendiges Beispiel dafür, wie Tradition und Moderne koexistieren können – wenn man achtsam mit Veränderungen umgeht. Ihre Lebensweise mag archaisch wirken, doch sie ist durchdacht, nachhaltig und tief verwurzelt. Wenn Du ihnen begegnest, begegnest Du nicht nur einer Ethnie, sondern einer Philosophie: Leben im Einklang mit Natur, Gemeinschaft und Geschichte.