Ursprung und Idee der Homelands

Die Homelands, auch Bantustans genannt, waren das Herzstück der Apartheidpolitik. Die Idee der „getrennten Entwicklung“ (separate development) ging davon aus, dass Schwarze Südafrikaner nicht als Bürger des Landes gelten sollten, sondern als Angehörige ethnisch definierter „Nationen“. Jede dieser „Nationen“ sollte ein eigenes Gebiet erhalten, das als Heimat und politisches Zentrum fungierte.

In der Realität bedeutete dies: Schwarze wurden aus Städten und fruchtbaren Landstrichen verdrängt und in kleine, oft unfruchtbare Gebiete gedrängt. Die weiße Regierung konnte so die Mehrheit der Bevölkerung entrechten, während sie gleichzeitig billige Arbeitskräfte für Bergbau, Landwirtschaft und Industrie erhielt.

Die Homelands waren also keine organisch gewachsenen Staaten, sondern künstliche Konstrukte, die der Aufrechterhaltung der weißen Vorherrschaft dienten.

Gesetzliche Grundlagen

Die Homelands entstanden nicht zufällig, sondern durch eine Reihe von Gesetzen, die systematisch die Rechte der Schwarzen einschränkten:

  • 1923 – Black Urban Areas Act: Schwarze durften nur mit Genehmigung in Städten leben. Damit begann die räumliche Trennung.

  • 1950 – Group Areas Act: Legte fest, dass Wohngebiete nach „Rassen“ getrennt sein mussten. Millionen Menschen wurden zwangsumgesiedelt.

  • 1959 – Promotion of Bantu Self-Government Act: Schuf die rechtliche Grundlage für die Homelands. Jede ethnische Gruppe sollte ein eigenes „Heimatgebiet“ erhalten.

  • Pass Laws: Schwarze mussten jederzeit einen Pass bei sich tragen, um außerhalb ihres Homelands arbeiten oder reisen zu dürfen. Verstöße führten zu Verhaftungen.

  • Land Acts: Schwarze durften außerhalb der Homelands kein Land besitzen. Damit wurde ihnen wirtschaftliche Selbstständigkeit verwehrt.

Diese Gesetze führten zu einer massiven sozialen und wirtschaftlichen Ausgrenzung. Millionen Menschen verloren ihre Häuser und wurden in die Homelands gezwungen.

Politische Kontrolle

Offiziell hatten die Homelands eigene Verwaltungen und Regierungen. In der Realität blieben sie vollständig von Pretoria abhängig.

  • Regierungen: Lokale Führer oder von der Apartheidregierung eingesetzte Politiker wurden als Präsidenten oder Minister installiert.

  • Beispiele: Kaiser Matanzima in Transkei, Lucas Mangope in Bophuthatswana, Lennox Sebe in Ciskei.

  • Abhängigkeit: Die Homelands erhielten Subventionen aus Pretoria, ohne die sie nicht überlebensfähig gewesen wären.

  • Militärische Kontrolle: Südafrika behielt das Recht, jederzeit militärisch einzugreifen.

Die Homelands waren somit Marionettenstaaten – nach außen als unabhängig dargestellt, nach innen völlig kontrolliert.

Alltag und Realität in den Homelands

Für die Menschen bedeuteten die Homelands vor allem Armut und Perspektivlosigkeit.

  • Wirtschaft: Die Gebiete waren klein, oft landwirtschaftlich unbrauchbar und wirtschaftlich isoliert.

  • Infrastruktur: Schulen, Krankenhäuser und Straßen waren unterentwickelt.

  • Arbeitsmigration: Viele Bewohner mussten als Wanderarbeiter in „weißen“ Städten arbeiten, durften dort aber nicht dauerhaft leben.

  • Soziale Folgen: Familien wurden auseinandergerissen, Gemeinschaften zerstört, kulturelle Entwicklung behindert.

Die Homelands waren damit nicht nur politische Konstrukte, sondern auch soziale und wirtschaftliche Sackgassen.

Die zehn Homelands im Überblick

Transkei

  • Lage: Südostküste, östlich des Kaplandes.

  • Größe: ca. 43.000 km².

  • Bewohner: rund 3 Millionen, überwiegend Xhosa.

  • Besonderheiten: Erstes Homeland, das 1976 „Unabhängigkeit“ erhielt. Kaiser Matanzima regierte mit harter Hand. International nicht anerkannt.

Bophuthatswana

  • Lage: Mehrere verstreute Gebiete im heutigen Nordwesten.

  • Größe: ca. 44.000 km².

  • Bewohner: etwa 2 Millionen, überwiegend Tswana.

  • Besonderheiten: 1977 „unabhängig“. Präsident Lucas Mangope führte ein autoritäres Regime. Bekannt für Casinos und Industrieprojekte, die aber von Pretoria kontrolliert wurden.

Venda

  • Lage: Nordost-Südafrika, nahe der Grenze zu Simbabwe.

  • Größe: ca. 6.500 km².

  • Bewohner: ca. 600.000 Venda.

  • Besonderheiten: 1979 „unabhängig“. Klein und wirtschaftlich schwach, stark von Subventionen abhängig.

Ciskei

  • Lage: Südostküste, angrenzend an Transkei.

  • Größe: ca. 8.300 km².

  • Bewohner: etwa 2,2 Millionen Xhosa.

  • Besonderheiten: 1981 „unabhängig“. Präsident Lennox Sebe regierte autoritär.

KwaZulu

  • Lage: Provinz Natal, verstreute Gebiete.

  • Größe: ca. 36.000 km².

  • Bewohner: über 5 Millionen Zulu.

  • Besonderheiten: Unter Führung von Mangosuthu Buthelezi. Politisch einflussreich, aber nie unabhängig.

Gazankulu

  • Lage: Nordost-Südafrika, nahe Kruger-Nationalpark.

  • Größe: ca. 5.000 km².

  • Bewohner: rund 1,1 Millionen Tsonga/Shangaan.

  • Besonderheiten: Klein, landwirtschaftlich schwach, stark von Arbeitsmigration geprägt.

Lebowa

  • Lage: Nordost-Südafrika.

  • Größe: ca. 22.000 km².

  • Bewohner: etwa 2,3 Millionen Pedi.

  • Besonderheiten: Politisch instabil, wirtschaftlich schwach.

QwaQwa

  • Lage: Kleine Enklave im heutigen Free State.

  • Größe: ca. 620 km².

  • Bewohner: ca. 200.000 Sotho.

  • Besonderheiten: Sehr klein, kaum wirtschaftliche Basis.

KaNgwane

  • Lage: Grenzregion zu Swasiland (Eswatini).

  • Größe: ca. 3.500 km².

  • Bewohner: ca. 800.000 Swazi.

  • Besonderheiten: Politisch schwach, nie unabhängig.

KwaNdebele

  • Lage: Nordöstlich von Pretoria.

  • Größe: ca. 3.500 km².

  • Bewohner: ca. 600.000 Ndebele.

  • Besonderheiten: Geplante Unabhängigkeit wurde nie umgesetzt.

Auflösung und Folgen

Mit dem Ende der Apartheid 1994 wurden die Homelands abgeschafft und in die neuen neun Provinzen integriert. Doch die Folgen sind bis heute sichtbar:

  • Armut: Viele ehemalige Homeland-Regionen gehören noch heute zu den ärmsten Gebieten Südafrikas.

  • Infrastruktur: Straßen, Schulen und Krankenhäuser sind weiterhin unterentwickelt.

  • Soziale Probleme: Arbeitslosigkeit, Kriminalität und fehlende Perspektiven prägen viele Regionen.

Die Homelands sind damit ein Erbe der Apartheid, das bis heute nachwirkt.

Die Homelands waren ein Kernstück der Apartheid. Sie dienten der räumlichen Ausgrenzung, der politischen Entrechtung und der wirtschaftlichen Ausbeutung. Ihre Geschichte ist ein Mahnmal dafür, wie staatliche Politik ganze Bevölkerungsgruppen systematisch entrechten kann – und wie lange die Folgen solcher Systeme nachwirken.